Die Stuckateur-Innung Rems-Murr unternahm am 5. und 6. März 2026 einen zweitägigen Ausflug zum renommierten Farbenhersteller KEIMFARBEN in Diedorf bei Augsburg. Insgesamt 14 Innungsmitglieder reisten gemeinsam an, erlebten praxisnahe Fachvorträge zu Mineralfarben, Nachhaltigkeit und WDVS-Systemen, besichtigten das Farbmischlabor und die Farbwerkstatt und nutzten den Abend für intensives Netzwerken im historischen Ratskeller Augsburg – fachlich aufschlussreich, kollegial herzlich und rundum gelungen.

Gruppenfoto: Treffpunkt 06:45 Plüderhausen
Am frühen Morgen des 5. März 2026 herrschte noch dichter Nebel über der Schwäbischen Alb, als sich die Mitglieder der Stuckateur-Innung Rems-Murr in Plüderhausen zusammenfanden. Obermeister Patrick Brecht hatte die Fahrtlogistik übernommen und zwei moderne Ford-Kleinbusse organisiert – vollausgestattet mit Automatikgetriebe und elektronischen Assistenzsystemen, ganz wie es sich für eine Fahrt mit Stil gehört. Brezeln und Getränke standen bereit, und so rollte die Gruppe gut versorgt Richtung Autobahn, über Aalen auf die A7 zur A8 bis hinein nach Bayern.
Ein Innungsmitglied stieß erst gegen 11:00 Uhr zur Gruppe – und brachte, wie die Kollegen lachend bemerkten, buchstäblich die Sonne mit: Ab diesem Moment riss der Nebel auf und die Sonne begleitete den Rest des Aufenthalts hindurch. Es gibt Momente, in denen ein Mensch wie ein Wetterwechsel wirkt – und das meint man dann durchaus positiv.
Tagungsort war die KEIM-Akademie in Diedorf – ein Ort, der bereits durch seine Adresse Geschichte atmet. Die Gruppe wurde um 10:00 Uhr offiziell durch Martin Brettschneider, Regionalleiter KEIMFARBEN Baden-Württemberg und Allgäu, begrüßt. Gleich im Anschluss übernahm Ralf Reißing, Fachberater KEIMFARBEN Stuttgart, mit einem Vortrag über die sogenannten KEIM-Sprinterprodukte – also die schnell verfügbaren Farbprodukte für das Stuckateurhandwerk.
Man könnte die Geschichte der Firma KEIM als eine Art Märchen aus der Welt der Pigmente beschreiben: Ein König – es war König Ludwig – fand seine Innenstädte zu trist, zu grau, zu leblos. Er befahl buntes Leben in seinen Städten. Und ein Mann namens Adolf Wilhelm Keim, Handwerksmeister und Töpferexperte aus dem 18. Jahrhundert, machte sich auf die Suche nach einer Antwort. Was er fand, war nicht weniger als das Fundament der heutigen Firma: das KEIM-Purkristalat, ein reines Bindemittel aus Kaliwasserglas und Pigment, das sich nicht mit dem Untergrund verbindet wie ein aufgeklebtes Bild, sondern regelrecht mit ihm verschmilzt – eine chemische Reaktion namens Verkieselung, die der Farbe eine Beständigkeit verleiht, die organische Systeme kaum erreichen können.
Auf diesem Fundament bauen sämtliche Weiterentwicklungen auf: Die KEIM Granital, eingeführt 1962, die KEIM Soldalit, die 2002 auf den Markt kam, und die gesamte heutige Produktpalette. KEIM bezeichnet seine weiterentwickelten Farben als Dispersionssilikatfarben, da bestimmte Dispersionsanteile für eine reibungslose Verarbeitung mit der Walze notwendig sind – ohne die Grundphilosophie des mineralischen Systems aufzugeben.
Der Vortrag über Nachhaltigkeit ist für KEIM keine Marketingkür, sondern gelebte Unternehmensrealität: Eine eigene Kläranlage zur Vorklärung des Produktionswassers, 100 Prozent Klima Neutralität beim Strombedarf sind für KEIM selbstverständlich. Das ergänzt das Bild, dass mineralische Farben grundsätzlich ohne Algizide und Fungizide auskommen: Die Fassade ist nicht abgesperrt, nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie ebenso schnell wieder ab – ein natürlicher Kreislauf, in dem keine anorganischen Wirkstoffe den Takt vorgeben müssen.
Im Anschluss führte ein kurzer Rundgang die Gruppe durch das Produktions- und Farbmischlabor in die KEIM Farbmetrik – jenen Bereich des Unternehmens, in dem Farbtöne entwickelt, dokumentiert und über Jahrzehnte hinweg archiviert werden. Drei kleine Tütchen mit historischen Originalpigmenten – und plötzlich steht man in einem Gespräch zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen einer Farbtonanfrage von heute und der historischen Farbrezeptur eines Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert. Wer einen historischen Farbton nachbestellt, dessen Rezeptur mithilfe von Musteraufstrichen und archivierten Pigmentsammlungen aus vergangenen Jahrzehnten – zum Teil aus dem Zeitraum nach 1930 – rekonstruiert wird, erhält nicht irgendeine Annäherung, sondern das Original. Für den Denkmalschutz ist das von unschätzbarem Wert.
Die Unterbringung erfolgte im Leonardo Hotel Augsburg, direkt am Festplatz – ein komfortables Haus mit stilvollen Zimmern, einladender Lobby und einem Frühstück, das nach übereinstimmender Meinung der Gruppe keine Wünsche offenließ. Den Abend gestaltete die Gruppe aktiv: Ein rund 30-minütiger Fußmarsch entlang der verlassenen Augsburger Straßen führte direkt in die Fußgängerzone und von dort in den Ratskeller – gelegen im Kellergeschoss des historischen Rathauses, beeindruckend mit Kreuzgewölbe und offenem Sichtmauerwerk. Begleitet wurden die Innungsmitglieder von Ralf Reißing und Martin Brettschneider, die die Gruppe während beider Tage durchgängig betreut und begleitet haben.
Für den Freitag stand Praxis und Anwendung im Vordergrund. Dazu wurden im KEIM Technikum – der hauseigenen Malerwerkstatt – praktische Vorführungen zu Sprinterprodukten und Raumklimasystemen aufgebaut. Zwei Produkthighlights verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit: Erstens ein Renovierungsputz – als KEIM Turado bezeichnet – mit Rundkorn statt gebrochenem Korn, was laut Herstelleraussage ein besonders leichtes Aufziehen, Abziehen und Verfilzen ermöglicht. Zweitens die KEIM Soldalit Arte – eine Version ohne Titandioxid, die nach einer Trocknungszeit von etwa einer Stunde denselben Farbton erreicht wie das Standardprodukt mit Titandioxid, obwohl sie zu Beginn deutlich dunkler wirkt. Eine Farbe, die erst einmal Geduld verlangt – und dann überzeugt.
Ergänzend wurden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Fixativen erläutert: Das Purkristallat-Fixativ als reines Bindemittel, das Granital-Fixativ mit weißlicher Färbung und das Soldalit-Fixativ mit leicht bläulichem Schimmer durch bereits vorstrukturierte Solsilikate.
Pünktlich um 11:30 Uhr war das Programm abgeschlossen, und die Gruppe versammelte sich zur bayerischen Abschlussrunde: Weißwürste mit süßem Senf, selbstverständlich vor dem sprichwörtlichen 12-Uhr-Läuten serviert.
Die Weißwurst darf das Mittagsgeläut nicht hören – das ist in Bayern kein Scherz, sondern ein Lebensprinzip.
„Wer KEIM versteht, versteht mehr als Farbe – er versteht Material, Geschichte und das Handwerk selbst.“
Autor: Horst Walter Hansen (Assistent), horst@bauwow.de